GRAMOLA

Wie so oft in der Geschichte der Klassischen Musik: Tonsetzer beschäftigen sich nahezu zeitgleich, aber mit sehr unterschiedlichen Zugängen an verschiedenen Orten und unabhängig voneinander mit derselben kompositorischen Problematik. In unserem Fall: der Cellist Luigi Boccherini in Italien (und Spanien) und Joseph Haydn in Wien mit Musik für zwei Violinen, Viola und Violoncello. Letztlich setzten sich Haydns Streichquartettkompositionen durch, doch nehmen wir an, daß die Begründung dafür nicht – oder zumindest nicht ausschließlich – in der Kompositionsweise zu suchen, sondern an die spezifische Entwicklung der bürgerlichen Musikkultur in Mitteleuropa und damit auch Wien gekoppelt ist. In der Tradition der Divertimenti und Cassationen stehend, waren Haydns erste Quartette, die Streichquartette op. 1 und op. 2, komponiert in den Jahren 1755 bis 1759, noch fünfsätzig.

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Ihre musikalische Grundfarbe war jene des Vergnügens und der Freude am Spiel, ohne große Neigung zu „Tiefgang“. Aber schon in der nächsten Gruppe von Streichquartetten op. 9, 17 und 20, deren Entstehungszeit in die Jahre 1769 bis 1772 fällt, zeichnen sich äußere und innere kompositorische Kriterien ab, die auch noch für den frühen Beethoven gelten sollen: Man schließt sechs Quartette zu einer Werkgruppe zusammen, wobei mindestens ein Quartett in Moll steht (meistens das vierte) und alle zusammen verschiedenartige Ausdrucksbereiche erschließen; so entsteht eine thematische Klammer, die über das geschlossene Werk hinausreicht und damit eine größere inhaltliche „Tiefenschärfe“ ermöglicht. Ein weiterer, vielleicht noch wichtigerer Grund für die Dominanz des Wiener Zugangs zum Streichquartett ist die Viersätzigkeit, die sich nun als klassische Satzfolge etablieren sollte. Dreißig Jahre nach der Entstehung des ersten, im Jahre 1799, als Haydn seine letzten drei Quartette schrieb, war das Streichquartett die Gattung der Intellektuellen, die jüngere Komponisten ehrfürchtig stimmte. Konnte sich in jenen Tagen ein Streichquartett durchsetzen, dann nicht, weil es dem populären Geschmack entgegenkam, sondern weil ihm ein kompromißloser geistiger Anspruch und raffinierte Strukturen zugrunde lagen. Das Gewicht der Tradition lastete bereits schwer auf dieser Gattung, nicht zuletzt auch deshalb, weil sie einem kleinen erlesenen Kreis von Kennern zugedacht war, wodurch beharrende Tendenzen nicht Platz greifen oder wenigstens rascher überwunden werden konnten. Haydns Grundhaltung ist die des Avantgardisten, eine Furchtlosigkeit, die ihn nicht vor extremen Terrains zurückschrecken ließ.

Ehrfurcht vor der so traditionsreichen Gattung empfand auch Franz Schubert. 1824 distanzierte sich der Komponist von den etwa ein Dutzend vor 1816 entstandenen Werken für Streichquartett mit den Worten „denn es ist nichts dran“. So wie Haydn neue Wege beschritten und Mozart mit den „Haydn-Quartetten“ einen Meilenstein der Musikgeschichte geschaffen hatte, setzte auch Schubert nach einer mehrjährigen Schaffenspause mit seinen späten Quartetten D 804, 810 und 887 neue Maßstäbe.

Bei der etwas euphemistisch so genannten „Schaffenspause“ in Schuberts Leben handelte es sich aber in Wahrheit um Jahre der Krise. Die Zeit von 1818 bis 1823 war voller Abschiede und tiefgreifender Veränderungen im Freundeskreis. Er trennte sich von seinem Lehrer Antonio Salieri, verließ zudem das Elternhaus, und er gab die bürgerliche Sicherheit einer Laufbahn als Schullehrer auf. Die zunächst lähmende, später dann befruchtende Auseinandersetzung mit dem Werk Beethovens und schwere gesundheitliche Probleme trugen zur Schwere der Jahre bei, die er durchleiden mußte. Zeugnisse jener Zeit der Selbstzweifel und der Suche nach Neuorientierung und eigenem Stil sind eine Vielzahl von unvollendet gebliebenen, verworfenen Kompositionen: drei Symphonie-Fragmente, unvollendete Sonaten für Klavier oder der Entwurf zum Oratorium „Lazarus“.

In dieser Zeit schrieb er auch den Quartettsatz c-Moll D 703. Schubert selbst datierte die Entstehung des Werkes mit Dezember 1820, und es war, wie die Überschrift des Autographs zeigt, als viersätziges Quartett geplant. Aus ungeklärten Gründen brach er jedoch die Arbeit am zweiten Satz, einem As-Dur-Andante, nach 24 Takten ab; es bleibt uns ein Fragment voll schöner Ideen – was das Rätsel nicht mindert. Schroffe Kontraste zwischen Lyrik und Dramatik prägen den Kopfsatz (Allegro assai), der mit drei Themengruppen in freier Sonatenform angelegt ist und effektvoll mit düsterem Tremolo beginnt. Dem Hauptthema in c-Moll stehen zwei Seitenthemen mit weit ausholender Melodik gegenüber. Das aus fallenden Achtel-Wechselnoten zusammengesetzte Eingangsmotiv von großer Klarheit prägt den gesamten Satz in immer neuen Varianten. Plötzliche Stimmungswechsel lassen an bühnenmusikalische Dramatik denken. Besonders auffallend sind die spieltechnischen Anforderungen und die Aufwertung des Violoncello-Parts, die die Vermutung nahelegen, daß zur Ausführung ein Profi-Ensemble von der Qualität des Schuppanzigh-Quartetts (das damals als bestes Streichquartett Europas galt) vorgesehen war. Glücklicherweise ließ sich die Nachwelt, wie auch im Fall der h-Moll-Symphonie, nicht vom fragmentarischen Zustand des Werkes beirren. (Es gelangte nach Schuberts Tod in den Besitz seines Bruders Ferdinand.) Der fertiggestellte erste Satz ist ein wichtiges Bindeglied zwischen Schuberts frühen und späten Streichquartetten und ein in sich vollendetes Meisterwerk, das zu Recht seinen Platz im Konzertleben gefunden hat. Der heute geläufige Titel „Quartettsatz c-Moll“ geht auf Johannes Brahms zurück: Dieser erwarb das Werk, organisierte die Erstaufführung am 1. März 1867 im Musikvereinssaal Wien durch das Hellmesberger-Quartett und veranlaßte die Erstausgabe, die 1870 bei Bartholf Senff in Leipzig erschien.

Ignaz Schuppanzigh, geboren 1776 in Wien, gestorben 1830 ebenda, österreichischer Geiger und Leiter des Schuppanzigh-Quartetts, spielte in den Biographien gleich mehrerer Wiener Komponisten eine wichtige Rolle: Franz Schubert widmete ihm das „Rosamunde-Quartett“, und Beethoven wurde von ihm im Violinspiel unterwiesen; sie blieben lebenslang befreundet. Schuppanzigh war eine entscheidende Instanz für die Durchsetzung des Beethoven'schen Œuvres in Wien. Beethovens Streichquartette op. 18 erschienen 1801 in zwei Lieferungen zu je drei Werken als Stimmenmaterial beim Verlag Mollo in Wien und sollen im selben Jahr durch das Schuppanzigh-Quartett im Hause Emanuel Aloys Försters zum ersten Mal erklungen sein. Sie sind dem Fürsten von Lobkowitz gewidmet, dem übrigens auch die dritte, fünfte und sechste Symphonie sowie das Streichquartett op. 74 zugeeignet wurden.

1799, als Beethovens Quartette op. 18 entstanden, war Haydn 67 Jahre alt, Mozart acht Jahre tot. Die stilistische Verwandtschaft der „Sechs Quartette op. 18“ zu den Werken seiner Vorbilder – zu denen auch die in Vergessenheit geratenen Komponisten Emanuel Aloys Förster oder Franz Asplmayr gerechnet werden müssen – ist nicht zu übersehen, doch ebenso auffällig ist der kompositorische Unabhängigkeitskampf des 29-jährigen Beethoven, der in ihnen zum Ausdruck kommt. Die Streichquartette sind weniger von Bewunderung oder gar freundschaftlicher Beziehung zu den Vorbildern und Lehrern geprägt, sondern als Versuch einer Loslösung von den Verehrten zu lesen. Das lebhafteste Zeichen dieser neu gewonnenen Autonomie Beethovens ist die erweiterte Unabhängigkeit der vier Instrumentalstimmen. Wie man im unmittelbaren Vergleich feststellen kann, hat Beethoven hier neues Terrain für die Gattung Streichquartett gewonnen. Wir wissen, daß Haydn noch um 1800 seine Orchester­werke vom Klavier aus dirigierte, und seine Werke sind, bei aller Modernität, idiomatisch stark an sein eigenes Hauptinstrument gebunden. Beethoven scheint das erfaßt zu haben und tat auch in diesem Bereich einen Schritt der künstlerischen Eigenständigkeit – weg von der „Krücke“ des Klaviersatzes. Seine Musik läßt sich nicht mehr so leicht von den technischen Erfordernissen und Eigenheiten des Klaviers ableiten, sie ist vom „reinen“ kompositorischen Denken geprägt. Beethoven konnte sich in seinem Opus 18 erfolgreich von den stilistischen – vor allem harmonischen – Einschränkungen durch die Tradition des Continuospiels lösen, was dem „lebhaften Gespräch“ der vier Streichinstrumente größere Beweglichkeit und Themenvielfalt ermöglichte. Die Quartette „geben einen vollgültigen Beweis für seine Kunst“, heißt es in der Allgemeinen Musikalischen Zeitung No. 48 vom 26. August 1801, „doch müssen sie öfters und sehr gut gespielt werden, da sie sehr schwer aufzuführen und keineswegs populair sind“. Ein Brief an den Jugendfreund Friedrich Georg Wegeler im Jahr 1800 belegt auch die sozial veränderte Situation von Ludwig van Beethoven im Vergleich zu seinen Vorgängern: „Meine Compositionen tragen mir viel ein, und ich kann sagen, daß ich mehr Bestellungen habe, als fast möglich ist, daß ich befriedigen kann. Auch habe ich auf jede Sache 6, 7 Verleger, und noch mehr, wenn ich mir's angelegen sein lassen will: man accordiert nicht mehr mit mir, ich fordere und man zahlt.“

Preisträgerkonzert Gradus ad Parnassum

ACIES-QUARTETT

TRÄGER
DES „ÖSTERREICHISCHEN KLASSIK-PREISES 2006“,
DES „MOZART-PREISES 2006“
UND GEWINNER DES ERSTEN PREISES
DER KATEGORIE  STREICHQUARTETT

 

ACIES präsentierte drei jener Werke, die von hochkarätigen Jurys gleich mehrfach mit Preisen bedacht wurden. Das Konzert soll das hohe Niveau dokumentieren, auf dem gearbeitet wird, zugleich aber auch den Ausblick auf die intendierten Ziele des Quartetts ermöglichen. 
So ist die Erarbeitung des für den „Gradus-Wettbewerb“ von A. Müllenbach komponierten Auftragswerkes, des Streichquartetts Nr. 2, ein Gradmesser für die Fähigkeit eines Ensembles, ohne die Möglichkeit des Kopierens großer Vorbilder eine gültige Interpretation eines Werkes der „neueren Musik“ zu schaffen und dieses für die ZuhörerInnen in eigenständigem Gestalten versteh- und damit vielleicht auch bewertbar zu machen. 
Für das Mozart’sche Dissonanzenquartett, das gleich von mehreren konkurrierenden Ensembles vorgetragen wurde und damit der Jury faire, weil direkte Vergleiche ermöglichte, setzte diese die technische Perfektion als Selbstverständlichkeit voraus; es kam ihr auch nicht darauf an, nach welchen akademischen „Regeln“ Mozart zu spielen sei. Hauptpunkt der kritischen Betrachtung war die Frage, welchen eigenständigen Weg des stimmigen Gestaltens ein junges Ensemble zu gehen imstande ist. Dafür wurde der „Mozart-Preis 2006“ vergeben und seine Erringung durch das ACIES-Quartett stellt diesem und vor allem seinem pädagogisch und fachlich meisterhaften Wegbereiter Prof. Brian Finlayson ein besonders ehrendes Zeugnis aus.
Mit dem Dissonanzenquartett überflügelte ACIES auch seine Mitbewerber um den großen „klassik.preis.österreich“. Nach dem Ende des Abschlusskonzertes im Großen Wiener Musikvereinssaal, das die vier (aus 148 MusikerInnen hervorgegangenen) Preisträger gestalten durften, kürte eine große Jury ACIES auch zum Träger dieses Preises!  
Auch Schuberts Quartett in d-moll – „Der Tod und das Mädchen“ - war (wie Schostakowitsch Nr.3 in F-Dur) Teil der „Gradus-Meisterprüfung“. Beide Werke stellen Eckpfeiler des Werdegangs von ACIES dar, der in den letzten beiden Jahren in 2 Meisterkursen von Mitgliedern des Juilliard String Quartets in New York und in mehreren Meisterkursen von Prof. Schulz und Prof. Pichler  (Schwarzenberg 2006), den berühmten Mitgliedern des Alban Berg Quartetts, ganz wesentlich beeinflusst wurde.